Schuljahre im deutschen Tsingtau
Es ist die ungewöhnliche Biographie von Bernhard Ruhstrat aus dem Großherzogtum Oldenburg in einem außergewöhnlichen Abschnitt deutscher Geschichte.
Die Familie Ruhstrat ist im 19. und 20. Jahrhundert eine angesehene Juristenfamilie in Oldenburg, doch der älteste Sohn Ernst bewirbt sich beim Kaiserlichen Chinesischen Seezoll, der vom Engländer Sir Robert Hart geleitet wird. Im Herbst 1881 fährt er nach Shanghai und wird danach in unterschiedliche Regionen versetzt.
Im Jahr 1890 während eines Heimaturlaubes heiratet er Marie Kallmeyer. Gemeinsam gehen Ernst und Marie Ruhstrat nach Zhenjiang in die Provinz Jiangsu, dort wird Bernhard am 3. Oktober 1895 geboren. Im Herbst 1901 wird der Vater wieder nach Shanghai versetzt, hier geht Bernhard zur internationalen Schule.
Von 1904 bis 1907 macht die Familie in Oldenburg Urlaub, sie wohnen bei der Großmutter im Dobbenviertel. Bernhard bekommt Privatunterricht und besucht für einige Monate das Großherzogliche Gymnasium, bevor im Sommer 1907 Marie Ruhstrat mit ihren mittlerweile fünf Kindern wieder nach China reist. Ernst ist jetzt Chef-Assistent beim Kaiserlichen Chinesischen Seezoll in Shanghai. Bernhard geht nur ein paar Wochen in die deutsche Kaiser-Wilhelm Schule, schon im November wird der Vater nach Jiujiang an den Yangzi Fluss versetzt. Dort gibt es keine internationale Schule, deswegen entscheidet der Vater, dass Bernhard ab Januar 1908 die deutsche Knabenschule in Tsingtau besuchen soll.
Seine Mutter Marie begleitet ihn auf dem Dampfer von Jiujiang nach Shanghai. Von dort fährt Bernhard alleine mit einem Reichspostdampfer in das deutsche Schutzgebiet Tsingtau.
Der Leiter des Internats, Herr Küntzel, ist streng und Bernhard fühlt sich oft ohne Grund bestraft; auch mit Frau Küntzel gibt es fortlaufend Streitigkeiten. Mit den anderen Jungen versteht er sich anfangs nicht, er beleidigt sie und prügelt sich mit ihnen.
Bernhard sehnt sich nach seiner Familie und schreibt wöchentlich einen Brief an seine Mutter. Er berichtet über die Mitschüler und die Ungerechtigkeiten von Herrn und Frau Küntzel.
Er sondert sich ab. Während die anderen Jungen spielen, wandert er durch die Umgebung Tsingtaus, dabei trifft er den Förster, mit dem er Freundschaft schließt. Sonntags besucht er die Kollegen seines Vater, die in Tsingtau den Seezoll verwalten. Auf diese Nachmittage freut er sich besonders, denn es ist eine Abwechslung zu den leeren Nachmittagen im Alumnat.
Bernhard sieht die Stadt mit den Augen eines Kindes und erzählt von Ereignissen, die im Wesentlichen in Tsingtau und in der Umgebung stattfinden. Seine Lieblingsbeschäftigung ist das Malen und Zeichnen. So legt er oft den Briefen an seine Mutter Zeichnungen bei, damit sie sich die Situation besser vorstellen kann. In den Sommerferien besucht er seine Familie und zusammen verbringen sie die Ferien im Sommerhaus in den Bergen von Lushan. Mit großem Wehmut fährt er zurück in das ungeliebte Tsingtau.
Sein Heimweh wird unerträglich, er wird immer schwermütiger. Als seine Mutter ihm berichtet, dass die Familie von Jiujiang nach Shanghai umziehen muss, wird er noch betrübter. In dem Ferienhaus in den Bergen konnte er seinen Ärger vergessen, und nun musste die Familie das Haus aufgeben.Er möchte weg aus Tsingtau, der Ärger mit dem Ehepaar Küntzel wird immer größer. Bernhard bemüht sich, seinen Vater zu überreden, dass er ihn zurück nach Oldenburg schickt, wo seine beiden Großmütter und viele Verwandte wohnen.
Im Sommer 1910 akzeptiert der Vater Bernhards Wunsch und der Junge tritt allein die Rückreise von Tsingtau nach Bremerhaven an.
Als Grundlage für diesen Roman dient das schriftliche Erbe der Familie Ruhstrat, vor allem die Briefe Bernhards aus dem Alumnat in Tsingtau an seine Mutter in Jiujiang. Diese unverfälschten Berichte eines Jugendlichen aus einer Zeit des Kolonialismus sind ein Beispiel für die interkulturelle Kommunikation, die zu jener Zeit üblich war. In der Familie sprach man Deutsch, mit anderen Ausländern Englisch, und mit den Bediensteten kommunizierte man in Pidgin, einer Sprache, die aus englischen und chinesischen Wörtern bestand und als Handelssprache in China diente. Immer wieder schleichen sich in die Briefe fremdsprachige Wörter ein; Ausdrücke, die uns heute fremd erscheinen, für Bernhard aber alltäglich waren. So bietet sich uns das Bild eines Jungen in einer internationalen Gemeinschaft, die ein Vorläufer unserer heutigen globalen Welt darstellt.